Telefon: 035265 - 64 49 40 | Telefax: 035265 - 64 49 42 | E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Einsatznachsorge für Einsatzkräfte

 
Aufbau eines Einsatznachsorgeteams im Landesfeuerwehrverband Sachsen e. V.

Die aktive Mitgliedschaft in einer Freiwilligen Feuerwehr stellt eine besondere Tätigkeit im ehrenamtlichen Bereich dar.

Den vielen positiven Erfahrungen, die ein Kameradin oder ein Kamerad im Laufe seiner Mitgliedschaft erfährt, können jedoch auch negative und einprägsame, sowie belastende Erfahrungen gegenüber stehen.
Nicht jeder Einsatz, unabhängig von seinem Ausmaß wird von den jeweiligen Einsatzkräften gleichermaßen erlebt. Abhängig vom Einsatzgeschehen, der persönlichen Tagesform und vorangegangenen Eindrücken aus dem Einsatz- oder dem Privatleben können erlebte Situationen die Kameradinnen und Kameraden belastenden und die Aufarbeitung erforderlich der Geschehnisse machen.

Zu diesen belastenden Einsatzsituationen gehören entgegen häufiger Annahme nicht nur die großen Einsatzszenarien, sondern oft „kleinere“ Einsätze mit Beteiligung von Kindern, Freunden oder Bekannten. Große Einsatzlagen bieten hingegen zusätzlich zu den Eindrücken, die Gefahr bei einer Vielzahl von Betroffenen zur Überlastung und späteren Hilflosigkeit der Einsatzkräfte zu führen.

Großschadenslagen wie das ICE-Zugunglück 1998 in Eschede sind hierfür exemplarisch. Ebenso stellen Einsätze bei denen die Feuerwehrangehörigen selbst, oder ihre Kameradinnen und Kameraden in eine Gefahrensituation gekommen sind oder verletzt wurden starke psychische Belastungen dar. In Zeiten zunehmender Gewalt gegen Einsatzkräfte, kann dies auch bei vermeintlichen Bagatelleinsätzen eintreten.

 

Die gewonnen Eindrücke können in der Folge schlimmstenfalls zur einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen mit Depressionen, Angststörungen, und Vermeidungsverhalten führen.
In Folge dessen besteht die Gefahr der langandauernden Arbeitsunfähigkeit und negativer Auswirkungen auf das Privat- und Familienleben.
Auch führen Belastungsstörungen zu Austritten aus den Freiwilligen Feuerwehren, da die betroffenen Kameradinnen und Kameraden es nicht selbst schaffen, das Erlebte zu verarbeiten und vermeiden wollen, zukünftig erneut in eine für sie als belastend empfundene Situation zu kommen.

Stress: Lernen, mit den Belastungen umzugehen

Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren waren schon immer besonderen Belastungen ausgesetzt. In ihrem Ehrenamt helfen Sie in Gefahrensituationen unter Zeitdruck und gehen dabei - z. B. unter Atemschutz - an ihre Leistungsgrenzen. Die Einsätze sind Herausforderungen die gemeistert werden, aber manchmal nicht nur körperlich, sondern auch seelisch belastend sind. 

Diese Belastungen gehören zum Dienst dazu. Auf diese Herausforderungen bereitet die Ausbildung vor, man wächst daran, wird vom Einsatzleiter an immer schwierigere Aufgaben herangeführt. In den Fortbildungen werden Handgriffe und Handlungen eingeübt. Die Ausbilder wissen durch ihre Einsatzerfahrung, welche Situationen entstehen können und üben mit ihren Kameraden, bis alles möglichst gut beherrscht wird. Fitnesstraining hilft zur Vorbereitung auf die körperlichen Anstrengungen. Die vorgeschriebene regelmäßige medizinische Untersuchung soll bisher unentdeckte körperliche Erkrankungen aufdecken, um eine gesundheitliche Gefährdung zu verhindern.

Was tun nach einem solchen Einsatz? „Du musst Abstand finden, lenk dich ab“ sagen manche.
Das ist sicher richtig. Wenn man erschöpft ist, muss man sich erholen. Ein Spaziergang im Wald, ein erholsames Bad oder mal richtig auspowern beim Fußballspiel - jeder hat seine eigene Methode wieder runter zu kommen. „Geh nochmal alles in Gedanken durch, du musst das doch verarbeiten!“ sagen andere. Auch das stimmt. Mit Abstand in Ruhe noch einmal den Einsatz durchgehen, hilft bei der Verarbeitung. Selbst wenn es im Einsatz zu Missverständnissen oder auch Fehlern gekommen ist. Nur wenn wir die Fehler erkennen, können wir sie beim nächsten Mal vielleicht vermeiden und es besser machen. 

Nur noch über den Einsatz zu grübeln, sich oder anderen die Schuld zu geben, kann auch in eine Spirale der Verzweiflung führen. Den Einsatz vergessen wollen, nur noch Abstand wollen, dabei vielleicht vermehrt zu Alkohol oder Beruhigungstabletten greifen, ist auch keine Lösung. Es geht darum mit den Belastungen angemessen umzugehen, die Balance zu finden, das seelische Gleichgewicht zurück zu gewinnen.

Gelingt das nicht und kommen persönliche Probleme - auf Arbeit oder zu Hause - noch dazu, können Motivationsverlust, Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit die Folge sein. Ein Warnsignal ist, wenn Mitglieder sich plötzlich zurückziehen, ihre Hobbys vernachlässigen und in ihrem Wesen verändert erscheinen. Suchtprobleme, sich ausgebrannt fühlen, das Leben nicht im Griff haben sind ernste Warnzeichen, bei denen der Hausarzt aufgesucht werden sollte. Bei Depressionen oder der sog. „Posttraumatische Belastungsstörung“, einer möglichen Folge belastender Einsätze, ist professionelle Hilfe notwendig.

Die speziell ausgebildeten psychosozialen Fachkräfte - ein Arzt, eine Psychologin und ein Seelsorger - und erfahrene Einsatzkräfte, die ebenfalls in der Einsatznachsorge ausgebildet sind, reden mit den Einsatzkräften über das Erlebte und wie die Belastungen verarbeitet werden. Ziel ist es, die Verarbeitung zu unterstützen und Gesundheit und Motivation der Einsatzkräfte zu erhalten.

Diese Gruppengespräche werden in Dresden und Umgebung für Feuerwehrleute und Rettungsdienstler ca. drei- bis fünfmal im Jahr durchgeführt, z.B. nach Einsätzen bei denen Kinder ums Leben gekommen sind, bei schweren Unfällen oder nach Einsätzen mit Lebensgefahr für die Einsatzkräfte. Nach den Besprechungen berichten Einsatzkräfte, dass Sie sich erleichtert gefühlt hätten und dass es Ihnen bei der Verarbeitung des Erlebten geholfen hätte. Wenn trotzdem Probleme zunahmen, kann professionelle Hilfe angeboten werden.

Leider gibt es diese Möglichkeit nur in wenigen Städten bzw. Landkreisen, obwohl das Sächsische Brandschutz-, Rettungsdienst- und Katastrophenschutzgesetz vorschreibt, dass ehrenamtlich tätigen Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehren, die während eines Einsatzes einer besonderen psychischen Belastung ausgesetzt waren, eine psychologische Nachbetreuung angeboten werden soll.

Der Fachverband hat dem Landesfeuerwehrverband Sachsen seine Mitarbeit bei der Organisation einer flächendeckenden Einsatznachsorge angeboten. Außer in Dresden gibt es kaum Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren mit den Nachsorge-Ausbildungen SbE4 oder CISM.

Der Landesfeuerwehrverband Sachsen e. V. hat daher ein Einsatznachsorgeteam aufgebaut, um den betroffenen Kameradinnen und Kameraden eine einsatzbezogene Nachbetreuung zu ermöglichen. Ziel ist es im Rahmen von zeitnahen Einsatznachsorgegesprächen Posttraumatische Belastungsstörungen zu vermeiden, bzw. sie frühzeitig zu erkennen, um entsprechende Folgemaßnahmen gemeinsam mit den Kameradinnen und Kameraden einzuleiten.

Das Einsatznachsorgeteam ist direkt an den Landesfeuerwehrverband Sachsen e. V. angegliedert, um eine effektive Steuerung der Maßnahmen zu gewährleisten.

Das Einsatznachsorgeteam setzt sich aus professionellen und nichtprofessionellen Mitgliedern zusammen. Zu den professionellen Mitgliedern zählen Psychosoziale Fachkräfte, zu den nicht professionellen Mitgliedern gehören die Kameradinnen und Kameraden aus den sächsischen Feuerwehren. Ein Einsatzteam wird aus einer Psychosozialen Fachkraft und zwei Kameradinnen oder Kameraden, den sogenannten Peers, bestehen. Die Anwesenheit von Feuerwehrangehörigen die selbst aktiven Alarmdienst leisten ist besonders wichtig, da so das Verständnis für die Situation erhöht wird und die Kommunikation zwischen den betroffenen Einsatzkräften und der Psychosozialen Fachkraft ein Bindeglied erhält. Kameraden können mit Kameraden sprechen und auch die Psychosoziale Fachkräfte erfährt dadurch bei Feuerwehr bezogenen Fachfragen Unterstützung.





Stand 10.12.2016

Inhalt:
LFA Dr.U.Lotterhos, 
Dr. med. Ralph Kipke, Leiter des Einsatznachsorgeteams der Feuerwehr Dresden
RS Thomas Kreher - Einsatznachsorge (CISM) & Krisenintervention

Red. Üa. PrSpr. R. Arnold

Bildrechte: Thomas Kreher, (Einzelfotos Copyright by Thomas Kreher), Fotomontage zur Verwendung auf lfv-sachsen.de freigegeben